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Titel Dossiers - Aktuelle

 

Angriff auf Amerika

Kasten: Medienkritik des CNN-Chefs

Viele Dollars für die besten Bilder

Wie US-Journalisten mit den Terror-Angriffen umgingen

Beim Terrorangriff auf New York standen den Fernsehsendern minutenschnell Aufnahmen zur Verfügung. Im Kampf um die besten Bilder wurde auch viel Geld in die Hand genommen. Journalisten kauften den Touristen die Videokameras ab.

Den 208 Studenten an der Journalistenschule der Columbia-Universität wird der 11. September im Gedächtnis bleiben als die Feuertaufe ihrer Karriere. Die Attacke auf das World Trade Center liess sie von angehenden Journalisten zu Kriegsberichterstattern wider Willen werden - und alle ethischen Probleme der Profession schlagartig auf sie einstürmen. «Wir schickten sie zum Berichten ins Katastrophengebiet, wie jedes andere Medium es getan hätte», berichtet Sreenath Srinivasan, Professor an der Columbia-Universität. «Darunter sind Leute, die noch nie bei einem normalen Feuerwehreinsatz dabei gewesen waren.» Siewaren genauso wie Tausende anderer Journalisten beinahe pausenlos im Einsatz. Hektik und Hilflosigkeit herrschten in jeder Redaktion. «Amerika musste mit einer solchen Situation, die für Kriegsberichterstatter normal ist, einfach noch nie umgehen», so Srinivasan.

Zeit zum Nachdenken

Eine Woche nach der Tragödie hat in Amerikas Medienzunft die Introspektion begonnen. Welche Fehler wurden gemacht? Waren die Reporter dem emotionalen Druck gewachsen, über Tausende von Vermissten zu berichten, während die eigene Stadt brannte? Wurden bei der Jagd nach den Tätern vorschnelle Urteile gefällt, die mehr Angst stifteten und ausländische Mitbürger in Verdacht brachten, anstatt die Bevölkerung zu informieren?

Das Hauptaugenmerk richtet sich dabei auf die drei Fernsehketten ABC, CBS und NBC, die für die grosse Mehrheit der US-Bürger die wichtigste Informationsquelle sind. Sie hefteten der Terrorismus-Krise dabei genauso wie der Kabelsender CNN griffige Etiketten an, die sich im Lauf der ersten Woche änderten. «America under Attack» war die sensationsheischende Schlagzeile auf allen Kanälen, während die Trümmer an Manhattans Südspitze noch schwelten. Als die leise Hoffnung schwand, noch Überlebende zu finden, underste Trauergottesdienste stattfanden, wurde daraus der Slogan «Amerika Rising» - ein Land richtet sich wieder auf. Zum Wochenbeginn hatte sich die mediale Trauer zur kämpferischen Schlagzeile «Amerikas neuer Krieg» gewandelt.

«Um den Faktor 1000 multipliziert»

«Das ist der Standardverlauf in der Berichterstattung über einen Terroranschlag, wie wir es schon beim ersten Bombenattentat auf das World Trade Center beobachten konnten: Neuigkeiten, Trauer, Wut. Nur dass alles diesmal um den Faktor 1000 multipliziert wurde», sagt Professor Srinivasan. Das Boulevardblatt «New York Post» etwa veröffentlichte Fotos von Feuerwehrleuten, die eine US-Flagge auf den Ruinen hissen mit der Unterzeile: «Bombs away» (im Sinne von Feuer frei!). Fernsehsender und Tageszeitungen fallen dabei beinahe unwillkürlich in den Gleichschritt, sagt Jim Naureckas von Fair, einer unabhängigen Medienbeobachtungsorganisation in Manhattan, die sonst Redaktionen auf ihre politische Objektivität hin prüft. Die «New York Times», das angesehenste Blatt Amerikas, habe dabei den Tenor für viele andere Medien bestimmt.

Das Gefühl der Belagerungsstimmung und die Forderung nach hartem Durchgreifen seien eine «Reaktion aus dem Bauch» heraus. Der Druck, immer neue Schreckensmeldungen als Erste zu haben, sei enorm angesichts der Verwüstung, sagt Neureckas. «Es ist zugebenermassen schwer, einen klaren Kopf zu behalten, wenn die Heimatstadt explodiert.» Dabei nähmen das Prüfen von Fakten und die ausgewogene Berichterstattung schnell Schaden. Der Wert, die Bilder vom flammenden Inferno immer und immer wieder zu zeigen, sei zudem fraglich: «Es wird schnell zu einerungesunden Obsession, die nicht nur die Überlebenden, sondern auch Zuschauer und Reporter traumatisieren kann.»

Fernsehen und Zeitungen kam dabei zugute, dass sich in New York so viele Photographen und Kameraleute drängen wie wohl an keinem andern Ort der Welt. Alle Fernsehsender, alle namhaften Nachrichtenmagazine haben hier ihre Zentralen. Sobald der erste Turm in Flammen stand - als Zufallsaufnahme festgehalten -, strömten Hunderte von festen und freien Photographen zum World Trade Center. Deswegen herrschte kein Mangel an verschiedenen Blickwinkeln auf den zweiten Einschlag 18 Minuten später und das nachfolgende Inferno. CNN zahlte dem Vernehmen nach alleine 50 000 Dollar für die beste Einstellung der zweiten Explosion, von einem professionellen Kameramann mit ungehinderter Sicht aus Brooklyn gefilmt. Der NBC-Reporter Shachar Baron rannte nach der ersten Explosion nach Hause und holte seine Kamera. Andere Journalisten kauften Touristen auf der Strasse ihre digitalen Videokameras einfach ab. Wenige Stunden nach den Anschlägen übernahmen Kabelsender und Radiostationen ohne eigene Nachrichtenredaktion die Live-Bilder oder Tonaufnahmen von CNN oder CBS.

Viele Reporter in New York ertränkten ihre Verwirrung und ihren Schmerz in Arbeitswut. Die Belegschaft des «Wall Street Journal», gegenüber dem World Trade Center zu Hause, wurde um 9 Uhr 05 evakuiert, zwei Minuten nachdem das zweite Flugzeug in die Wolkenkratzer eingeschlagen war. Reporter und Redaktoren flüchteten mit Fähren über den Hudson nach New Jersey oder in ihre Wohnungen in anderen Stadtteilen und sorgten im losen Verbund rund um die Uhr dafür, dass die Wirtschaftszeitung am Mittwoch wie gewohnt mit 1,6 Millionen Auflage erscheinen konnte. «Leute sprangen aus den Türmen, als ich auf die Fähre ging», erinnert sich Ressortleiter Lawrence Ingrassia. «Ich versuchte das alles auszublenden.»

Helfen oder berichten?

Vor allem für Wirtschaftsjournalisten, die mit vielen der vermissten Banker und Analytiker noch vor kurzem täglich Interviews geführt hatten, war der Anschlag das Ende des Alltags. Die Finanzjournalistin Diana Henriques bilanzierte ihre Gefühle in einer E-Mail an Freunde, das wie so viele andere Erfahrungsberichte in Medienkreisen schnell die Runde machte: «Wir sind alle völlig erschöpft, aber es gibt immer noch einen Abgabetermin, immer eine Ausgabe. Wir tragen imKampf gegen die Uhr herzzerreissende Artikel zusammen, bis wir erschöpft ins Bett fallen.» Die Sorge ums eigene Wohlbefinden angesichts von möglichen neuen Attacken greift ebenfalls das journalistische Selbstverständnis an. «Ich wollte helfen, aber mein einziges wirkliches Talent ist der Journalismus», sagt eine Produzentin von NBC-News. «Also stürzte ich mich zu 100 Prozent in die Berichterstattung.»

Beobachter vermissen inmitten des erwachten Patriotismus und angesichts der Reportagen über heldenhafte Rettungsaktionen die Nuancen soliden Journalismus - etwa um Übergriffe gegen Amerikaner arabischer Herkunft zu vermeiden. Fair-Redaktor Neureckas kritisiert: «Ich warte noch auf Analysen, in denen die Verbindungen der CIA zu zweifelhaften Persönlichkeiten wie Osama bin Laden beleuchtet oder die Handlungen des Präsidenten kritisiert werden.» Ebenso fehle den US-Medien das Verständnis dafür, was den Antiamerikanismus in der islamischen Welt motiviere.

Steffan Heuer

Medienkritik des CNN-Chefs

(epd) CNN-Chef Chris Cramer hat den amerikanischen Medien vorgeworfen, das amerikanische Volk mit Vorsatz uninformiert gehalten zu haben. «Sie haben das schlimmste journalistische Verbrechen begangen», schreibt Cramer in einem Beitrag für «Le Monde», das schlimmer als Trivialisierung und Zynismus sei. Das Verbrechen sei ihr «Versagen» gewesen, «das Wichtige interessant zu machen». Die Amerikaner unterschieden sich, so Cramer, nicht von anderen. «Auch sie können sich für das interessieren, was auf der Welt passiert. Nur hat die grosse Mehrheit der Medien ihnen nur verstümmelte Informationen geliefert, und sie tut es weiterhin.» Wenn man keine Berichte aus dem Ausland bringe, sei die Chance gering, dass sich die Öffentlichkeit dafür interessiere. Und: «Welche Bedeutung könnte das Elend in Sierra Leone, die Hoffnungslosigkeit in Nordirland für sie selbst haben?» Die Mehrzahl der Sender, schreibt der CNN-Chef weiter, beschränke sich einzig und allein auf die amerikanische Information. «Vermischte Inlandsnachrichten und die Ergebnisse beimBaseball, das Wetter und die Wochengewinner der Lotterie, die letzten Schrullen aus dem, was man Reality TV nennt.» Mit dem 11. September hätte jedoch nicht nur das Land, sondern hätten auch die Medien ihre Unschuld verloren.

Neue Zürcher Zeitung, 21. September 2001

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